Das gläserne Tor 

Als ich das erste Mal an der Bushaltestelle ausstieg, wartete ein Teddy mit blauem Halstuch auf mich.
Er geleitete mich sicher bis zu dem Eingang der roten Burg.
Doch kaum berührte ich das gläserne Tor, verschwand mein Beschützer.

In der Tür spiegelte sich ein Mädchen. Es wagte nicht, den Knopf der Gegensprechanlage zu drücken.

Als ich das zweite Mal an der Bushaltestelle ausstieg, warteten sieben Ritter auf mich. Einer von ihnen legte mir einen Gürtel um und reichte mir ein Schwert.
„Wer diese Waffe trägt, kann gefahrlos durch das gläserne Tor schreiten.“
Sie warteten, bis ich meinen Arm in die Höhe streckte und auf den schwarzen Knopf drückte. Dann gingen sie davon.
Ein hohes Summen ertönte und die Flügel des Tores krochen rechts und links in die Mauer hinein.
Ich blickte in das geöffnete Maul der Burg. Weiße Feen huschten hin und her, dazwischen humpelten gebeugte Gnome. Einer davon berührte mein Gesicht. „Ich wusste, dass du kom-men würdest.“ Tränen liefen über seine Wangen.
Wortlos zog eine Fee ihn von mir weg, öffnete eine schmale Tür, schob ihn in den dahinter-liegenden Raum und schloss von außen ab.

Ein Mädchen rannte aus dem Gebäude so schnell es nur konnte.

Als ich zum dritten Mal an der Bushaltestelle ausstieg, wartete mein Lieblingssänger Balongo auf mich, er hatte auch die anderen aus der Band mitgebracht.
Den Summton am gläsernen Tor griff die Background-Sängerin gleich auf und variierte ihn, der Schlagzeuger klopfte auf seinem Brustkorb den Rhythmus dazu und der Marimbaphonist schlug mit zwei Kugelschreibern auf die im Flur befindlichen Heizkörper, Blumenvasen und Bettpfannen. Balongo schnalzte mit den Fingern und sang mein Lieblingslied.
Eine Schwester führte mich zu Zimmer 132.
Als ich auf das Bett zuging, hörte Balongo auf zu singen. Die anderen von der Band blickten zu Boden und wurden still.

„Du bist ein liebes Mädchen“, sagte die Schwester.

Als ich zum vierten Mal an der Bushaltestelle ausstieg, warteten Franz Kafka und Hermann Hesse auf mich. Sie vertrieben sich die Zeit damit, gegenseitig Sätze aus ihren Werken zu zitieren.
Bevor ich am Tor die Gegensprechanlage drückte, blickte Hermann auffordernd zu Franz. Der schüttelte den Kopf. Da flüsterte Hermann: „Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man.“*
Der Gang war heute menschenleer, schweigend öffneten wir Zimmer 132.
Ich trat an das Bett und betrachtete ihr Gesicht.

Das Mädchen wünschte sich, die Kranke würde die Augen öffnen und lächeln.

Als ich zum fünften Mal an der Bushaltestelle ausstieg, wartete niemand auf mich.
Das Tor stand bereits offen.
Im Gang stand ein Koffer.
Die Schwester berührte mich sacht am Ärmel: „Für Ihre Mutter war es besser so.“

Ich verließ das Backsteingebäude mit den Sachen der Frau, die ich nie kennengelernt hatte.

© Christiane Schwarze

 


*Anmerkung der Autorin: „Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man“ ist ein Zitat aus Franz Kafkas Erzählung „Heimkehr“.

 

 

Erschienen in der Anthologie Gefangensein – Drinnen & Draußen – Kurzgeschichten (2018)
Muc Verlag | München, Taschenbuch ISBN 978-3-9815181-7-7 und zusätzlich als eBook erhältlich.