Winterlesung 07.12.2018 - Texte zum Thema -                                  "Ein Zimmer, das ich kaum kenne"


Schwäbische Nacht


Horst war mit Monika ins Schwäbische gefahren, in seinen Heimatort Pfullingen, um seiner verwitweten Mutter die Frau vorzustellen, die er zu ehelichen gedachte.
Monika war sehr gespannt auf die Schwaben, die ja bekannt sind für ihren Fleiß, ihre Sparsamkeit und ihre Gründlichkeit, aber auch für ihre Geselligkeit und Sangesfreude. Sie hoffte eher auf die letzteren Eigenschaften.
Denn die hatte sie an Horst beim Kennenlernen so anziehend gefunden.
Die Begrüßung zwischen den Frauen verlief unerwartet entspannt und die selbst geschabten Spätzle waren natürlich ein besonderes Willkommen.
Als Monika es auch mal mit dem Spätzle schaben probieren wollte und dabei nur fingerdicke Würste in den Topf fielen, sagte Hilde lachend:
„Des lernsch nemme, bleib liebr bei Grombiira“
Monika musste ebenfalls lachen und das Eis war gebrochen. Auch der erste Abend lief erstaunlich gut. Und das ist nicht selbstverständlich, wenn Mütter ihren einzigen Sohn hergeben müssen.
Nachdem Horsts Mutter alle peinlichen Begebenheiten aus seiner Kindheit- für ihn gefühlt zum hundertsten Mal- aufgetischt hatte, trollte er sich auffällig oft gähnend ins Bett, damit sich, wie er meinte, die beiden Frauen alleine beschnuppern konnten.
Den Rest des Abends wurden Familie, Kuchenrezepte und geeignete Diätprogramme abgearbeitet, die Sammeltassensammlung bewundert und die schon vorsorglich in hellblau und rosa gestrickten Mützchen für die künftigen Enkel für niedlich befunden. Auch der Streit mit dem Bruder, also Horsts Onkel, der mit Familie nebenan wohnte, war ausgiebig von der Schwiegermutter ausgebreitet worden.
Als dann die hochnotpeinliche Befragung über Monikas politische Gesinnung begann „Du hasch doch mit dene linke Spinner nix zom due?“ zog Monika die Notbremse, gähnte was das Zeug hielt und sagte nach einer unverfänglichen Anwort :
„Ich geh jetzt ins Bett, die Fahrt war anstrengend und ich will Horst nicht so lange warten lassen. “
„Falls de heut Nacht uff de Abbort musch, geh lieber hier unde, obbe is die Spülung so laud“ hatte ihr Hilde noch mit auf den Weg gegeben.
Horst schlief schon mit dem Lächeln eines Siegers auf dem Gesicht, wahrscheinlich weil er sich den Frauen so geschickt entzogen hatte.
Nun muss man wissen, dass meine Freundin Monika Schlafwandlerin ist.
Ihre nächtlichen Ausflüge durfte ich so manches Mal miterleben, wenn wir an gemeinsam verbrachten Wochenenden oder in Urlauben das Zimmer geteilt hatten.
In der Regel wurde ich von wischenden Geräuschen an der Zimmerwand entlang wach, wenn sie halb schlafend, halb wachend, auf der Flucht vor nächtlichen Schimären oder mit Druck auf der Blase, den Ausgang ins Irgendwo suchte.
Einmal konnte ich sie davon abhalten in meinen Schrank zu steigen, ein anderes Mal aus der Besenkammer wieder ins Bett umleiten.
Wenn man als Mitschläferin nicht wach geworden war, lag Monika morgens manchmal zusammen gerollt auf der Eckbank in der Küche oder auf dem Sofa im Wohnzimmer, weil sie nach erfolgter Blasenentleerung die erstbeste Liegestatt aufsuchte, die ihr in den Weg kam. Sogar der Badezimmerteppich hatte ihr schon als Nachtlager gedient.
Von ihren Ausflügen wusste sie in der Regel morgens nichts mehr und war selbst erstaunt wo sie aufwachte.
In dieser Nacht im Schwabenland hatte sie sich wieder einmal wie ein Geist neben Horst erhoben, denn nach dem Umtrunk mit Hilde, der durch einige Viertele entspannter gewesen war, drückte die Blase.
Offensichtlich waren ihr die letzten Worte ihrer künftigen Schwiegermutter vor dem Zubettgehen im Bewusstsein hängen geblieben, denn sie wandelte wie ferngesteuert aus dem Gästezimmer durchs Treppenhaus ins Erdgeschoss, wo sie die passende Tür suchte.
Das Haus der Schwiegermutter, war von deren Großeltern noch zu einer Zeit erbaut worden, als es normal war, dass eine Familie sechs bis acht Kinder hatte.
Als Horsts Eltern heirateten, baute man es um, sodass zwei Familien darin Platz finden konnten.
Nebenan wohnte besagte Onkelfamilie, mit der zurzeit Funkstille herrschte. Beide Haushalte waren durch eine Tür im Erdgeschoss miteinander verbunden, die mit einer Schrankimitation verkleidet war.
Diese Tür steuerte Monika nun mit schlafwandlerischer Sicherheit als vermeintliche Toilettentür an, schloss sie auf und landete im Flur und anschießend bedarfsrichtig sogar im Bad der Onkelfamilie.
Auf dem Rückweg durchwandelte sie das Wohnzimmer und sank dort, der weiten Wege müde, aufs Sofa. Sofort schlief sie wie ein Stein.
Jeder kann sich vorstellen, wie groß die Augen von Horsts Tante waren, als sie am nächsten Morgen eine wildfremde junge Frau in T-Shirt und Unterhose auf ihrem Sofa vorfand. Reflexartig zog sie ihr eine Wolldecke über die Beine, die über der Sofalehne hing.
Ihr erster Gedanke war, dass ihr Sohn Bernd die fremde Weiblichkeit von der gestrigen Fete mitgebracht haben könnte. Vielleicht war es dem Mädle  nicht mehr möglich gewesen in der Nacht noch nach Hause zu fahren. Und insgeheim hoffte sie, dass ihr Sohn vielleicht endlich eine Freundin gefunden haben könnte. Dass sie nicht bei Bernd im Bett lag, fand sie sehr anständig von ihrem Sohn, wunderte sie aber auch ein bisschen.
Als Bernd etwas später verschlafen die Treppe herunter kam, sperrte auch er die verquollenen Augen auf und nun standen Mutter und Sohn ratlos vor dem Sofa, denn der Sohnemann schwor Stein und Bein, dieses weibliche Wesen nie gesehen, geschweige denn gesprochen zu haben.
Beide überlegten, ob der Vater abends beim Stammtisch im „goldenen Böckle“ mal wieder ein paar Viertele Trollinger zu viel getrunken  und das „Weibsbild“, wie die Tante schnaubte, angeschleppt hatte.
Der Onkel, noch im Entgiftungsschlaf befindlich, wurde unbarmherzig von seiner Frau wach gerüttelt und als er verdattert alles leugnete ebenfalls ins Wohnzimmer zitiert.
Jetzt standen alle drei verwundert vor dem Sofa und starrten auf die noch immer fest schlafende Monika, wie auf ein seltenes, vom Aussterben bedrohtes Tier.
Schließlich stupste die Tante an Monikas Füße und als sie endlich aus ihrem steinigen Schlaf erwachte sah sie sich von drei Augenpaaren fixiert.
Als die Tante sie fragte, wer sie denn sei und was sie hier mache, antworte Monika, die schon immer sehr schlagfertig gewesen war, noch ziemlich schläfrig und mit lautem Gähnen: „Das gleiche könnte ich Euch auch fragen?“
Derweil wunderte sich Horst nebenan wo seine Liebste abgeblieben war und als er sie auch in der mütterlichen Küche nicht vorfand, hegte er den Verdacht, dass Hilde sie vielleicht vergrault haben könnte. Diese war sich jedoch keiner Schuld bewusst, hatten sie doch einen netten Abend zusammen verbracht. Kurzum, beide blickten ratlos auf das Gepäck und die Kleidung der Verschwundenen, denn ohne Klamotten konnte sie ja auch nirgendwohin gegangen sein.
Schließlich lösten sich alle Rätsel, denn kurze Zeit später klingelte es an der Tür und als Horst öffnete, stand sein Onkel vor ihm und sagte schmunzelnd: Breng deinem Mädle was zom Ozieha, noh könna mir frühschdügga.
Der Familienzwist war kein Thema mehr, als hätte man nur auf dieses Medium aus dem Hessenland gewartet und Horst und Hilde wurden ebenfalls zum Frühstück eingeladen.
Alle ließen sich Schinken Schwartenmagen und Rührei schmecken und schnell kam man über hessische und schwäbische Ess- und Lebensgewohnheiten ins Gespräch.
Monika beteuerte mehrfach, dass es im Hessenland wirklich nicht üblich sei, sich auf solche Weise der neuen Verwandtschaft vorzustellen.
Diese bis heute noch oft erzählte Geschichte fand so ihren Platz in der Schwäbischen Familienchronik und ist schon längst an Kinder und Enkel der Beiden weiter getragen worden.

 

© Hermine Geißler


Altbauwohnung

Ich wohne schon lange in meiner Wohnung. Sie ist geräumig, ein Altbau, sie hat Geschichte. Auf der einen Seite ist sie hell und sonnig, die andere Seite führt auf den Hof, wo es eher schattig und düster ist. Ich mag sie und auch wenn ich nicht immer glücklich mit ihr bin, so sind wir doch zusammengewachsen und sehen uns unsere Fehler nach. Ich verzeihe ihr, dass sie sich so schlecht aufwärmen lässt und sie nimmt mir nicht übel, wenn ich ihre Altehrwürdigkeit durch Errungenschaften wie moderne Lampen, eine Kücheninsel oder schrille Bilder an den Wänden einschränke.
Immer mal wieder hält sie Überraschungen für mich bereit. Plötzlich läuft rostiges Wasser aus der Leitung oder es zeigen sich Risse in der Stuckdecke. Zuletzt kam das häufiger vor. Ich habe repariert, gekleistert, gestrichen, die zugigen Stellen abgedichtet. Aber es ließ sich nicht übersehen, dass der Zahn der Zeit nagt und die Jahre ihren Tribut fordern. So fügte ich mich, gewöhnte mich an das gluckernde Geräusch aus dem Bad, die knackenden Decken und den größer werdenden Spalt unter der Tür.
Jetzt aber fühle ich, dass etwas geschehen ist. Diese Gemeinsamkeit, die Verbundenheit scheinen aufgekündigt. Plötzlich spüre ich, wir sind einander nicht mehr in alter Freundschaft zugetan, ich muss mich wehren gegen ihre Angriffe. Oder sind es freundschaftlich gemeinte Hinweise? Aber worauf?

Kürzlich benötigte ich zur Planung eines Geburtstages ein altes Fotoalbum, von dem ich nicht mehr wusste, wo ich es aufbewahrte. Auf der Suche ging ich alle Zimmer durch - vergeblich. Schließlich ließ ich mich ratlos in meinen Sessel fallen und überlegte, wo ich noch suchen sollte. Da fiel mir an der gegenüber liegenden Wand eine Art Rechteck auf, ein Riss in der Tapete, den ich bis dahin nie bemerkt hatte. Ich ging hinüber und untersuchte meine Entdeckung, klopfte dagegen und war erstaunt, wie hohl es klang. Also besorgte ich mir in der Küche ein Messer und schnitt entlang des Risses. Kurze Zeit später konnte ich eine Art Tür, eher eine Luke öffnen, die in einen Raum führte, von dem ich nicht gewusst hatte, dass er hier existiert.
Zu meiner grenzenlosen Überraschung lag dort das gesuchte Fotoalbum auf dem Boden. Ich kletterte in den Raum, der fremd und gleichzeitig vertraut war, wie eine schwache Erinnerung  aus eine längst vergangenen Zeit. Ich tauchte ein, fühlte mich seltsam leicht, jung, voller Tatendrang und Liebe. Was war das? Ich griff nach dem Album: Bilder von Menschen aus anderen Tagen, Weggefährten, Freundinnen, Orte des Glücks und der Tränen. Mein Leben. Die Zeit floss wie Honig und ich schwamm darin, ohne zu wissen wohin und wie lange schon. Da war er wieder, der Eine, der Wichtigste, wie lange waren wir uns nicht mehr begegnet? Wie vertraut mir die Bilder waren, sogar der Geruch stieg mir wieder in die Nase! Und der Schmerz über die Zurückweisung, das Wissen um die Einzigartigkeit dieser Liebe, die Trauer über ihren Verlust. Die Lähmung, die darauf folgte.
Plötzlich hörte ich ein knarzendes, schlurfendes Geräusch und sah auf. Es war schon dämmrig und das Zimmer wurde von Schatten durchzogen. Undeutlich sah ich die Luke, durch die ich hereingekommen war. War sie kleiner geworden? Spielte die Wohnung mir erneut einen Streich? Irrte ich mich oder sah die Luke nun aus wie ein zu einem hämischen Grinsen verzogener Mund? Sollte ich als Gefangene meiner Erinnerungen hier bleiben? Für immer jung?
Ich stürzte zur Luke und kletterte panisch zurück in mein Wohnzimmer. Schlagartig kamen die Jahre zurück.  Da stand mein Sessel und ich ließ mich schwer atmend hineinfallen. In meinem Alter bewegt man sich nicht mehr so geschmeidig, die Knie knackten von der ungewöhnlichen Bewegung und meine Schultern schmerzten. Die Luke verschwamm vor meinen Augen und die Wohnung knarzte und gab Geräusche von sich, die in meinen Ohren wie Hohn klangen. Oder wie ein Lachen.
Ich sitze seither öfter in dem Sessel und schaue auf die intakt erscheinende Wand, hinter der ferne Zeiten zuhause sind. Wehmütig höre ich die Geräusche der Wohnung, wie sie raunt, klopft, gurgelt und wispert. Wie es mir wohl ginge, wenn ich dort geblieben wäre?

© Catharine Kemeney


Vergessene Bibliothek
Text zu Bild (c) von Lori Nix, Library (Ausschnitt), 2007
Galerie Klüser, München

 

Ich stehe vor einem sehr altehrwürdigen, aber verlassenen Gebäude.
Es zieht mich magisch an.
Der Türgriff scheint lange nicht berührt worden zu sein. Ich drücke den Riegel. Der Türgriff lässt sich tatsächlich öffnen. Zögernd und doch voller Neugier schaue ich ins Innere.
Unmerklich halte ich die Luft an und vergesse für einen Moment zu atmen.
Was ich sehe ist nicht modrige Dunkelheit, sondern eine stattliche Bibliothek voller Licht und Farben. Alles scheint noch da zu sein. Jedes Buch steht noch an seinem Platz.
Doch traue ich meinen Augen nicht, denn große Bäume wachsen überall durch den Holzboden. An der Decke klafft ein riesiges Loch. Es scheint als hätten die Bäume ihren Rohstoff zurück erobert. Eine Meise betrachtet von einem Zweig aus friedlich die Bücherauswahl. Ich frage mich, was passiert sein mag. Warum wurde dieser geistige Schatz hier zurückgelassen und vergessen?

Auch ich habe früher Bücher regelrecht verschlungen. Ich liebte die Haptik eines ungelesenen Buches. Seine Jungfräulichkeit. Das Geräusch beim Umblättern der Seiten. Ein gutes Buch konnte nicht dick genug sein. Sogar der Einband und das äußere Erscheinungsbild waren wichtig. Ich konnte Stunden damit verbringen, in Enzyklopädien nachzuschlagen. Bildbände, Atlanten, Reiseführer und auch Kochbücher begeisterten mich.

Wann hörte das auf? Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal ein Buch in der Hand hatte oder eine Bibliothek besucht habe.
Heute beherrscht mein kleines Smartphone nicht nur meinen Bücherschatz, sondern enthält mehr als jede Bibliothek.

Ich nehme ein großes Buch mit dem Titel „Schöne neue Welt“ aus dem Regal. Die Blätter zerfallen zu Staub. Wir schreiben das Jahr 2044.

 

© Doris Husslein


„Es gibt ein Zimmer in meiner Wohnung, das ich kaum kannte….. Jetzt, da ich drin bin und auch nicht wieder heraus kann, versuche ich vergeblich, mich daran zu erinnern, an welcher Stelle in meiner Wohnung dies Zimmer sich befindet“.

Ich war wieder länger weg. Unterwegs. Und komme zurück. Zu diesem großen Haus. Es ist mir vertraut. Ich kenne es. Ich war schon oft dort. Ich glaube zum Schlafen, zum Pause machen. Viele Menschen wohnen dort. Sie sind dort kurze oder lange Zeit. Ich kenne die anderen nicht. Aber das spielt keine Rolle.
Ich weiß, eines der Zimmer im großen Haus ist meins. Dort kann ich schlafen, allein und ungestört sein. Und danach wieder gehen.
Und wieder passiert mir, was mir schon oft passiert ist. Ich finde mein Zimmer nicht. Ich weiß nicht wo es sich befindet.
Das Haus ist alt und groß und aus Holz. Es hat mehrere Stockwerke. Eine Art Ballustrade führt rings um das Haus, auf jeder Etage. Es gibt Zugänge von außen und innen und viele Treppen und Fenster. Es ist lichtdurchflutet. An Ecken stehen Bäume in Töpfen. Manchmal ein Stuhl oder eine Bank. Von dem äußeren Rundweg zweigen Zimmer ab oder kleine Flure, die wiederum zu Zimmern führen. Alle Zimmer haben Nummern.
Ich weiß meine Nummer nicht mehr. Ich finde auch den Schlüssel nicht. Ich habe keine Ahnung wo mein Zimmer ist. Ich kann mich einfach nicht erinnern.  Und es gibt keine Möglichkeit es zu erfragen. Obwohl hier viele Menschen sind. Sie werden mir nicht helfen können. Denn sie wissen nicht wo ich wohne. Meine Chance liegt darin zu suchen, alle Gänge abzulaufen und mein Zimmer dann vielleicht wiederzuerkennen und zu hoffen, dass es offensteht.
Manche Türen stehen offen. Ich kann hineinsehen und den Menschen bei ihrem Alltag zugucken.
Ich sollte systematisch versuchen mein Zimmer zu finden. Alles der Reihe nach abgehen. Aber irgendwie funktioniert das nicht. Ich habe keinen Überblick. Ich laufe durch Flure und Stockwerke und irre herum. Ich möchte endlich meinen Raum finden. Irgendwo muss er sein.
Und dann, später, stehe ich wirklich vor meinem Zimmer. Die Tür steht einen Spalt breit offen. Natürlich. Das ist es! Wie ich hingekommen bin? Keine Ahnung. Aber alles ist gut. Hier will ich jetzt sein. Ich betrete den Raum und schließe die Tür hinter mir. Ich möchte jetzt nicht nochmal raus. Sonst verliere ich den Raum vielleicht wieder. Ich bin so froh hier zu sein und bleiben zu können.
Es gibt ein Bett, ein Fenster, eine Kiste, einen Teppich. Nicht viel. Das Zimmer ist nicht sehr groß. Trotzdem ist es ein guter und freundlicher Ort. Und es gibt eine Tür zu einem weiteren Raum. Komisch. Diese Tür habe ich bisher noch nie bemerkt. Und den Nebenraum noch nie betreten. Warum nicht? Weiß ich nicht. Vielleicht erschien es mir nicht wichtig, nicht notwendig, nicht interessant.

Aber diesmal. Diesmal habe ich die Tür nicht übersehen. Diesmal werde ich die Tür öffnen und gucken, was im zweiten Raum ist. Warum eigentlich nicht? Aber wenn, dann jetzt gleich. Vielleicht ist der Funken Interesse nachher wieder weg.
Ich öffne die Tür. Und ich bin draußen. In einem Garten. Das kann nicht sein, denke ich. Völlig unlogisch. Hier kann es keinen Garten geben. Mein Zimmer ist nicht ebenerdig und umschlossen von anderen Räumen.
Aber es ist doch egal!
Hier ist ein Garten, ein wunderschöner, blühender, verwilderter Garten und Sonnenlicht und Menschen. Menschen, die ich schon immer kenne, die ich sehr mag, aber die ich vergessen hatte. Einfach komplett vergessen. Sie gucken und lächeln. Ich bin willkommen. Es gibt keine überschwänglichen Begrüßungen. Es ist alles einfach. Einfach und unkompliziert. Und vollkommen eigentlich.  
Ich  bin so erstaunt. Das hinter dieser Tür!? Warum? Hier habe ich so etwas am allerwenigsten erwartet. Ich hatte immer außen gesucht.


Und jetzt gehe ich da rein!

(c) Sonja Sommerfeldt


Der Schlüssel


Es war Freitagabend. Ich sah den vor mir stehenden Mann in seinem grauen Kittel zweifelnd an. Er war Mitarbeiter eines Schlüsseldienstes, der mir gerade einen Schlüssel angefertigt hatte. Dieser hatte jedoch am Bart eine verdächtig dünne Stelle. Auf meine Frage, ob der Bart eventuell abbrechen könne, hatte der nette Herr mir versichert, das könne nicht passieren. Dein Wort in Gottes Ohr, dachte ich und machte mich auf den Weg zu meinem Wohn- und Lebensraum. Ich wohnte in einem Zimmer unter dem Dach einer Altbauwohnung. Eine typische Studentenwohnung, wie es in Marburg viele gab. Klein, teuer und nicht schön. Ich war zwar kein Student sondern Berufsaufbauschüler, doch entsprach das Zimmer genau meinen finanziellen Möglichkeiten. Das BAföG, das ich bekam, reichte aus, das Zimmer und meine sonstigen Bedürfnisse zu finanzieren.
Den Schlüssel benötigte ich für meine Freundin, die ich seit Neuestem hatte. Es war was Ernstes, deshalb das Schließgerät. Es sollte ihr deutlich machen, wie wichtig sie mir war.
Als ich meine Dachwohnung erreicht hatte, ging ich hinein, schloss die Tür von innen, nahm den neuen Schlüssel, steckte ihn ins Schloss und drehte ihn herum. Er schloss … genau einmal. Ich hörte, wie die Zunge des Schlosses einrastete, zog den Schlüssel heraus und hatte ihn ohne Bart in der Hand. Dieser war im Schloss verblieben. Die Tür war verschlossen. Mein Zweifel bezüglich der Schließfähigkeit des Schlüssels war berechtigt gewesen. Der Bart war tatsächlich zu dünn gefeilt worden.
Na gut. Ich nahm den Originalschlüssel, um die Tür aufzuschließen. Es gelang nicht ihn in das Schlüsselloch zu stecken, der abgebrochene Bart blockierte das Schloss. Hätte ich mir denken können. Ich hatte mich selbst eingeschlossen, hatte mich zum Gefangenen in meinem eigenen Zimmer gemacht. Was nun?
Als Erstes kochte ich mir einen Kaffee und überdachte die Lage. Ich musste den abgebrochenen Bart aus dem Schlüsselloch entfernen. Nachdem ich meinen Kaffee getrunken hatte, machte ich mich mit optimistischem Schwung daran das Problem zu lösen. Es gelang mir aber weder mit einer Pinzette, einem Pfriem, einem Stück Draht und auch nicht mit einer Kuchengabel diesen verflixten Bart zu entfernen.
Mir stand der Schweiß auf der Stirn. Eine Mischung aus Angstschweiß und dem Schweiß der Anstrengung. Ich unterbrach meine Bemühungen, setzte mich auf den  überdimensionalen Fernsehstuhl, der den Großteil meines Zimmers beherrschte und dachte über das Problem nach. Doch mir fiel nichts ein.
Da hörte ich aus dem Nebenzimmer Stimmen. Mein Zimmernachbar hatte wohl Besuch. Schön, vielleicht war von hier Hilfe zu erwarten. Ich ging zu dem kleinen Fenster, das zum Dach hinausging, öffnete es und rief, etwas zaghaft allerdings: „Hilfe!“ 
Als sich nebenan nichts tat, rief ich etwas lauter: „Hilfe!“
Als sich immer noch nichts tat, rief ich mit sehr lauter Stimme: „Hilfe!“
Nebenan öffnete sich ein Fenster, ein Kopf erschien: „Was ist denn los?“
Ich erklärte die Sachlage. Der Kopf sagte: „Ich komme rüber.“
„Wie bitte?“ Das war ich.
„Ich komme rüber. Kleinen Moment nur.“
Ich sah wie sich eine Gestalt aus dem Nachbarfenster schwang, zwei, drei Schritte über den Teil des Dachs vor meinem Zimmer machte, um sich dann in mein Fenster zu schwingen.
Rudolf, mein Zimmernachbar, stellte sich vor. Wir hatten uns nämlich noch nicht kennengelernt. Er begutachtete das Problem, probierte mit meinen diversen Nichtwerkzeugen an dem Türschloss und kam abschließend zu dem Schluss, dass da nichts zu machen sei. Die einzige Idee, die er hatte, war die, dass man die Tür von außen öffnen könne. Was hieß, dass man sie von außen aufbrechen musste. Die Tür öffnete sich nach innen, somit war von der Außenseite ein optimaler Kräfteeinsatz möglich.
Für mich spitzte sich die Situation immer mehr zu, da ich nicht nur eine verschlossene Tür vor mir hatte, sondern auch noch einen wildfremdem Menschen. Nicht das mir Rudolf Angst eingeflößt hätte, doch ich, ein von Natur aus sensibler Mensch, fühlte mich insgesamt von der Situation überfordert. Ich stimmte also Rudolfs Idee zu.
Rudolf verschwand wieder mit akrobatischer Eleganz aus dem Fenster und hangelte sich über das Dach in seinen Wohnraum.
Wenig später hörte ich seine Stimme vor der Tür. „Wir wären so weit!“
„Dann los“, sagte ich.
Ich hörte einen lauten Schlag und ein knirschendes Knacken. Ein Teil der Türeinfassung flog mir entgegen, mit ihr stürzten Rudolf und zwei andere junge Männer in mein Zimmer. Mit lautem Hallo begrüßten mich Bernhardt und Wolfgang, begutachteten ebenfalls das Schloss und meinen abgebrochenen Schlüssel. Dann ließen mich die drei jungen Männer allein. Da stand ich nun mit meinem offenen Eingang.
Meine neue Freundin, die später zu Besuch kam, staunte nicht schlecht, als sie die aufgebrochene Tür sah. Ursprünglich hatte sie vorgehabt bei mir zu übernachten, doch war sie es gewohnt in einem geschlossenen Zimmer zu schlafen. So konnte sie nicht bei mir nächtigen. Sie bedauerte, mir dies mitteilen zu müssen.
Trotzdem haben wir vier Jahre später geheiratet.


© Rainer Güllich


Konstantin der Künstler      

Konstantin hatte nur noch eine Stunde Zeit.  Eine Stunde, um sich zu entspannen, bevor er seine Gäste empfangen musste. Er fühlte sich schon jetzt völlig überfordert. Was hatte er sich nur dabei gedacht. Aber nachdem letzte Woche eines seiner jüngsten Werke, ein Pop-Art-Bild, verkauft worden war und er somit plötzlich viel Geld besaß, hatte er diese Idee. - Sie wollen wissen, wie hoch der Erlös war?  Er wird es nicht verraten. -  Konstantin hatte nie Geld und war der Meinung, ohne den schnöden Mammon  im Leben zu recht zu kommen, deshalb wollte er es sofort wieder loswerden.

Weil ihm sein alter Mentor und Gönner immer in den Sommerzeiten diesen Etagengarten in Neapel für seine Aufenthalte zur Verfügung stellte, drängte es ihn, sich endlich seinen Traum zu erfüllen, hier ein Theaterfest nach Art der „Commedia dell’arte“ für einen Abend, eine Nacht, wieder auferstehen zu lassen. So lud er letzte Woche spontan all seine Freunde, viele Bekannte, die ihm häufig auf den Straßen Neapels begegneten, zu diesem Fest ein. Im Moment glaubte er, den Überblick, wie viele Personen in seinen Garten einfallen würden, verloren zu haben. Ihm wurde schwindlig, aber das konnte auch von der Sonne kommen, die ihm schon den ganzen Tag auf den Kopf brannte. Außerdem musste er dem betäubenden Duft der Glyzinien entfliehen.

Während diese Gedanken durch seinen Kopf geisterten, floh er auf  verschlungenen Wegen, vorbei an den in voller Blüte stehenden Hortensien, am Reich der Farne, der Kakteen und vorbei an vielen, vielen Rosensträuchern, in sein Lavendelparadies, in den hinteren Teil des Gartens. Hier konnte er dem Trubel und der Hektik, den die  Akteure, zuständig für die Dekoration, Buffet etcetera verbreiteten, entrinnen.

In seiner Hängematte, die ihm manchmal sein liebstes zu Hause war, machte er es sich bequem. Sein Blick richtete sich auf Kater „Paolo“, der am Teichrand saß, die darin schwimmenden Goldfische beobachtete und ab und zu  versuchte, eine der Fische zu greifen, was ihm selten gelang. Der Himmel über ihm war wolkenlos. Die absolute Ruhe und der Geruch des Lavendels versetzte Konstantin in einen nebulösen Dämmerzustand.  Er hörte eine Stimme die ihn rief: „Costantino, Costantino“. Merkwürdig dachte er, so rief ihn nur seine Mutter und sie hatte er nicht eingeladen.

Ach, vielleicht träume ich, dachte er und tauchte ein in die Bilder, die in ihm aufstiegen. Im Traum sah er zu, wie er langsam, aber noch benommen erwachte und fand sich in einen anderen Teil des Etagengartens , unter Palmen und einer haushohen chilenischen Schmucktanne, wieder.

Es war Nacht aber alles war beleuchtet. Wo war der Lavendel. Das war nicht sein Rückzugsort. Die Luft war gespeist von anderen, ihm unbekannten Düften. Der Blütenduft der Rosen und Glyzinien war verschwunden. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft waren hier nicht vorhanden. Auch den Wind und die Stimmen des Meeres vermisste er.

Konstantin versuchte vergeblich, sich daran zu erinnern, wo er sich  befand, und bemühte energisch, sich aus der Hängematte  herauszuschälen. Er ruderte mit seinen Armen und Beinen, aber er konnte sich nicht befreien. Seine Gefühle stritten sich, sollte er lachen, weinen oder wütend werden???
Würde er weinen, was bei Konstantin selten vorkam, dann eher darüber, dass er so verzweifelt in seiner Hängematte herumzappelte. Dann fand er es grotesk und musste über seine Situation lachen. Bestimmt würden gleich Freunde kommen, um ihn zu befreien.

Plötzlich war der Garten voller Zanni- und Amorosi-Theaterfiguren, die um ihn herumliefen, ihn aber nicht sahen. Er rief nach Dottore, nach Arlecchino, Pantolone. Laut lachend prosteten sie sich zu und gingen an ihm vorbei. Jetzt war er wütend. Vielleicht wollten sie ihm einen Streich spielen, aber dazu war er nicht in Stimmung.  Na, schöne Freunde habe ich, die werde ich morgen zum Teufel jagen, wenn ich sie treffe. Konstantin blieb in seinem Traum gefangen, er sah sich zu und konnte doch nicht mitspielen. Wenn er nur aus dieser Hängematte heraus käme, er fühlte sich eingesponnen wie in einem Kokon.
Drüben am Teich, der Kater war verschwunden, sah er Pulcinella liegen. Er rief nach ihr, sie antwortete jedoch nicht. Zeitweise war sie seine Muse. Letzte Woche hatte sie sich von ihm trennen wollen, was er auf keinen Fall zulassen würde. Er hatte eine Vermutung, wem sie sich zugewandt hatte. Sie ignorierte ihn, blieb liegen.
Dies war wirklich ein wirrer Traum ! Konstantin fühlte sich mittlerweile wie ein dicker Knoten, den man nicht entwirren kann. Er wollte raus aus der vermaledeiten Hängematte, raus aus diesem Teil des Gartens, den er nicht kannte.

© Ursula Engel