Lesung am 26.05.2019 in Marburg Ein Tag für die Literatur (Literaturland Hessen hr2 kultur) zum Thema - „Das Bild ist die Mutter des Wortes“ (Hugo Ball) - mit eigenen Texten zu ausgewählten Bildern des Kunstmuseums Marburg Die Bilder sind zu finden - Deutsches Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte - Bildarchiv Foto Marburg - Philipps-Universität Marburg unter dem Link: https://www.uni-marburg.de/de/fotomarburg


Der Zusteller
(Der Postbote im Rosenthal vor 1885 von Carl Spitzweg)

Claus Sauerwald ging mit forschem Schritt die Reitgasse hinauf. Langjährige Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass er die nicht unerhebliche Steigung des Weges so am Besten bewerkstelligen konnte. Seinen Zustellwagen, der noch mit einigen Briefsendungen versehen war, schob er vor sich her. Er hatte ihn heute zum letzten Mal im Zustellstützpunkt am Briefsortiertisch mit den Briefen gepackt. Heute war sein letzter Arbeitstag, ab morgen war er Rentner.
Er schaute nach oben. Er sah hellblauen Himmel verziert mit ein paar Schäfchenwölkchen. Es war angenehm warm, passend für den Monat Juni. Wenn er bei einem solchen Firmament von der Reitgasse in die Wettergasse schaute, fiel ihm immer das Gemälde von Carl Spitzweg "Der Briefbote im Rosenthal" ein. Die Szenerie erinnerte ihn deutlich daran. Nicht etwa, dass Claus kunstinteressiert gewesen wäre. In ihrer Familie war Claus Frau diejenige, die ein Faible für Kunst hatte. Und sie hatte es tatsächlich einmal geschafft, ihren Mann zu bewegen sie ins Kunstmuseum zu begleiten. Da war ihm dieses Bild ins Auge gefallen. Aber tatsächlich nur, weil auf diesem Gemälde ein "Kollege" von ihm zu sehen war. Ein Künstler hatte also seinen Berufsstand auf einem Werk verewigt. Und das schon 1858. Die Jahreszahl hatte er sich leicht merken können, war er doch 1958, also hundert Jahre später, eingeschult worden. Dass das Bild in einem Museum ausgestellt war hatte ihn besonders beeindruckt. Ja, dies erfüllte ihn sogar mit Stolz auf sein Metier. Er hatte schon immer gern in seinem Beruf gearbeitet. Er liebte den Kontakt zu seinen Kunden. Claus war ein offener Mensch, der gern auf sein Gegenüber zutrat und es ansprach. Daher kannte er seine Briefkunden. Er wusste um ihre kleinen und großen Sorgen. Durch seine zugewandte Art öffneten sie sich ihm schnell. Und zwar deswegen, weil sie sein echtes Interesse an ihnen spürten. Es war nicht Neugier, was diesen netten Postboten veranlasste, sie zu fragen wie es ihnen ginge, was sie bedrückte.
Claus Sauerwald hatte die Wettergasse erreicht. Als Erstes hatte er einen Brief an Frau Knieriem abzuliefern, einer alteingesessenen Marburgerin. Wie es aussah, war es ein Brief von ihrer Tochter, die mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Kindern in Wilhelmshaven lebte. Wie er von der Marburgerin wusste, kam die Tochter leider viel zu selten zu Besuch zu ihr. Ihm fiel ein, dass er genau jener Frau Knieriem in einer schwachen Stunde von dem Bild des Postboten im Rosenthal und seiner sentimentalen Regung dazu erzählt hatte. Wie er gehofft hatte, hatte sie davon aber nichts weitererzählt. Jedenfalls hatte er nichts davon mitbekommen. Es wäre ihm peinlich gewesen, wenn das an die Öffentlichkeit gelangt wäre. War das doch eine sehr persönliche Mitteilung gewesen.
Nun, heute fielen ihm noch einige andere Personen ein, mit denen er engeren Kontakt geschlossen hatte. Das war in der langen Zeit seiner Arbeit nicht ausgeblieben. Lag aber mit Sicherheit auch an seiner sozialen Ader.
Frau Metzger und Frau Moldau, zwei ältere Damen, die nicht mehr ganz so gut zu Fuß waren, brachte er die Briefe immer zur Wohnungstür, statt sie unten an der Haustür in den Briefkasten zu werfen. Dem blinden Herrn Kubicki hatte er auch schon mal den ein oder anderen Brief vorgelesen und bei Frau Ludwig hatte er bei einem Wasserrohrbruch geholfen, als er zufällig vorbeikam. Jedes mal wenn er Frau Förster mit ihrem schweren Einkaufswagen begegnete, hatte er ihr die Tasche die Wettergasse bis zu ihrer Wohnung hinaufgetragen. Von Herrn Kramer hatte er Briefe entgegengenommen, weil dem nicht beizubringen war, dass er diese auch selbst in den Briefkasten werfen oder zur Post bringen konnte. Jedenfalls hatte Claus Sauerwald immer ein offenes Ohr für seine Kunden gehabt. Heute war er noch keinem von ihnen begegnet, obwohl er sie sonst oft antraf. Er war enttäuscht darüber. Er hatte nämlich in den letzten Wochen da und dort die Bemerkung fallen lassen, dass er heute seinen letzten Arbeitstag hatte. Er rechnete damit, dass doch der eine oder andere seiner Kunden sich persönlich von ihm verabschieden wollte. Momentan sah es aber nicht so aus. Frau Anders, die nette Verkäuferin aus dem Schokoladengeschäft schaute heute noch nicht mal auf, als er ihr die Geschäftspost in den Laden brachte. Gut, dann war es ebenso. Dann würde er sang- und klanglos von der Bildfläche verschwinden. Dieser Gedanke gab ihm jedoch einen Stich im Herzen. Er hatte gedacht, dass er im Leben seiner Kunden eine größere Rolle gespielt hätte.
Er ging den Steinweg hinunter. Am Ende des Weges hatte er noch in dem Lokal an der Ecke einen Brief abzugeben. Merkwürdig. Es war ein privater Brief an den Besitzer. Dort ging sonst nur Geschäftspost ein. Dann gab es also tatsächlich eine Neuerung an seinem letzten Arbeitstag.
Er war vor der Tür des Lokals angekommen. Er drückte die Klinke herunter und trat hinein. "Alles Gute zur Rente, Herr Sauerwald", tönte es ihm entgegen. Ihm blieb der Mund offen stehen. Alle seine Kunden, die er heute vermisst hatte, standen vor ihm. Wie er sehen konnte, war hinter ihnen ein Buffett mit verschiedenen Salaten, Brot, Käse und anderen Speisen aufgebaut. Herr Münzer vom Kunstverein trat ihm entgegen. "Mein lieber Herr Sauerwald. Wir haben uns hier zusammengefunden, um Ihren letzten Arbeitstag mit Ihnen begehen zu können. Wir wollen zusammen essen und trinken. Dies ist unser Dank an Sie, da Sie uns die letzten Jahre immer zuverlässig mit unserer Post versorgt haben. Auf Sie war immer Verlass, Sie haben mehr gegeben als sie mussten. Als besonderen Dank haben wir da noch eine Kleinigkeit für Sie. Bitte sehr."
Herr Münzer griff nach hinten und holte ein Bild hervor. Es war ein Gemälde und zwar "Der Postbote im Rosengarten". Claus Sauerwald blieb die Luft weg.  Herr Münzer räusperte sich. "Herr Sauerwald, Frau Knieriem hat uns erzählt, dass Sie dieses Gemälde lieben, da es eng mit ihrem Beruf verbunden ist. Ich und meine Freunde aus dem Kunstverein haben eine Kopie des Gemäldes für sie erstellen lassen, ich möchte es Ihnen hiermit überreichen."
Total verdattert nahm Claus Sauerwald, der Zusteller der Oberstadt, "sein" Bild entgegen. Also hatte Frau Knieriem den Mund doch nicht gehalten. War nicht schlimm.


© Rainer Güllich

 

Gedanken einer Schauspielerin
(Das Fräulein d’Andrade da Costa 1893 von Friedrich Ferdinand Koch)

Heloisa steht am Fenster und hält nach ihrem Geliebten, Abelard, Ausschau.
Anfangs stehe ich noch barfuß am Fenster, und das bei der Kälte hier im Theater! Für die Proben wird einfach nicht geheizt! Ich kriege es bestimmt noch an der Blase, denn mich friert wie ein Hund!
Und Harry ist immer noch nicht zufrieden obwohl wir schon zum 10. Mal dieselbe Szene proben! Ich kann nicht mehr!
Nach der ersten Probe musste ich ein Fußbad nehmen, weil meine Füße blau gefroren waren, was optisch nicht gut rüber kommt!
Immerhin darf ich jetzt dicke Socken zum wallenden Gewand tragen, natürlich nur bei den Proben. Später, in der Vorstellung soll ich barfuß auf Abelard zu tänzeln, so will es die Regie!
Harry, der Intendant und Regisseur des Seifenburger Stadttheaters ist ein pedantischer Choleriker, der mit nichts zufrieden ist!
Licht zu dunkel, Licht zu hell, die Schleppe nicht richtig drapiert, die Hand nicht anmutig genug am Fensterknauf gehalten, das Lächeln nicht sinnlich!
Wie soll man in so einem engen Mieder sinnlich lächeln! Zudem riecht das Gewand aus dem Theaterfundus nach Mottenkugeln und zwickt scheußlich! Von der Perücke will ich gar nicht erst reden! Wie Blei liegt der muffige Geruch auf meinem Magen.

Wer hat sich nur so eine Mode ausgedacht? Da konnte Frau ja nur in Ohnmacht fallen, geschweige denn, vor irgendwas weg rennen! Und an eine sättigende Mahlzeit war auch nicht zu denken in dieser Einschnürung.
Ich frage mich, wie Harry auf die Idee gekommen ist „Abelard und Heloisa“ aus der mittelalterlichen Versenkung auf die Bühne zu holen. Und dann noch in dieser hochgradig verstaubten Inszenierung! 
Abelard und Heloisa. Sie eine Tochter aus dem Hochadel, er ein Philosoph und Wissenschaftler, der  im 12. Jahrhundert als Scholastiker überall aneckte und zeitweise Heloisas Hauslehrer war.
Ein Liebesdrama ohne Happyend.  Beide mussten nach der Geburt ihres Kindes ins Kloster gehen und konnten sich fortan nur noch aus der Ferne anschmachten.
Diese antiken Liebesdramen kennen wir eigentlich schon zur Genüge,
siehe Romeo und Julia, Orpheus und Eurydike, Venus und Adonis etc. etc!
Heute wollen die Leute Musicals sehen oder wenn schon Klassiker, dann modern inszenierte Stücke mit verrückten Bühnenbildern. Don Carlos im Armani-Anzug der zwischen Betonquadern umherläuft oder wie in London bei Lady Macbeth, die in einer Art Bahnhofsklo ihren mordenden Mann unterstützt der eine Wehrmachtunform trägt. Was würde Shakespeare wohl dazu sage?
In der nächsten Szene, die wir jetzt proben, soll ich am geöffneten Fenster rufen „wo bleibst du mein geliebter Abelard“.
Wenn Abelard dann auf der Bühne auftaucht, muss ich ihn küssen, dabei riecht Rudi, der den Abelard gibt, meistens nach Zwiebeln, weil er vor der Probe oft einen Döner isst! Ich habe mir das ein für alle Mal verbeten, aber er meinte achselzuckend, er müsse doch was Gescheites essen in der knappen Zeit zwischen seinem Zweitjob und der Probe! Er arbeitet nämlich neben der Schauspielerei, von der man ja bekanntlich nicht leben kann, noch als Auslieferer beim Hermesversand. Tja, ich frage mich, wovon oder von wem Abelard wohl gelebt hat. Sicherlich von der betuchten Familie im Hintergrund.
Ich muss, wie Rudi, auch natürlich nebenbei noch jobben, damit ich die horrende Miete bezahlen kann. Ich führe morgens den Hund einer stark übergewichtigen, pensionierten Professorin aus und zweimal die Woche besuche ich einen dementen Geschäftsmann im Nobelseniorenheim Goldgrube und spiele mit ihm Offiziersskat, das kriegt er noch hin!
Richtig verdienen kann man als Schauspielerin nur, wenn man Senta Berger oder Gudrun Landgrebe heißt.
Tja, Heloisa musste sich mit dem schnöden Mammon nicht herumschlagen, aber dafür hatte sie zu machen, was die Familie, der Stand und die Moral verlangte.

Jetzt ist Szenenwechsel: Heloisa verkündet ihrem Abelard, dass sie schwanger ist. Ich muss auf den Knien liegend seine umschlingen und schluchzend heraus pressen: „Schande über uns“.
Auch hier wieder Schwierigkeiten mit der Schleppe meines Gewandes, die partout nicht dekorativ liegen will! Rudi hilft mit dem Fuß nach, Harry brüllt!

In der nächsten Szene proben wir den Abschied, als Heloisa auf Wunsch ihres Geliebten ins Kloster gehen muss, nachdem sie ihren Sohn, im Haus von Abelards Familie entbunden hat. Um alles nachträglich glatt zu bügeln, hat Abelard sie vor ihrem Eintritt ins Kloster heimlich geheiratet. Heimlich deshalb, weil sein Leben doch der Wissenschaft gehörte und er frei sein wollte. Und im Kloster konnte seine Heloisa keinen anderen mehr heiraten.
Doch er bekam auch sein Fett weg!
Heloisas Onkel fand die Liebschaft und heimliche Hochzeit nämlich gar nicht standesgemäß und er ließ Abelard kurzerhand kastrieren. Der überlebte die Verstümmelung, aber es blieb ihm dann auch nichts anderes übrig, als sich als Mönch ins Kloster zurück zu ziehen. Fortan hatte das Paar nur noch Briefverkehr der es aber immerhin berühmt machte. Denn Heloisa war eine begabte Schriftstellerin.

So, jetzt proben wir die Szene, wo Heloisa für den Konvent eingekleidet wird! Seidengewand aus, frieren im Unterrock, kratziges Nonnengewand an und ich muss dabei beten und darf unter keinen Umständen mit den Zähnen klappern!
Gott, was müssen die im Mittelalter gefroren haben in diesen alten, meist ungeheizten Gemäuern. Wie gut, dass ich in der heutigen Zeit Klimaunterwäsche und Daunenjacke anziehen kann, zumindest außerhalb der Schauspielerei!
Danach sehne ich mich gerade, denn selten habe ich in einer Rolle so gefroren!
Aber ich muss mich nur noch durch den Schlussakt  bibbern. Da bringt mir der Abt nach Abelards Tod die Gebeine des Geliebten zur Bestattung ins Kloster.
Davon hatte die Ärmste nun auch nichts mehr, außer dass sie ihren Traummann
22 Jahre überleben durfte!
Na ja, immerhin fanden beide dann im Tod in einer gemeinsamen Begräbnisstätte noch zueinander.
Etwa eine Stunde dauert die Probe noch und ich muss versuchen, mich in die arme Klosterschwester Heloisa und ihre unglückliche Liebe zu fühlen.
Dabei höre mal wieder die Stimme meiner Mutter im Ohr: “Kind mach eine Banklehre, da hast du geregelte Arbeitszeiten, ein gutes Einkommen und warme Füße“!

© Hermine Geißler

 

Kaktusblüte
(Stilleben um 1920 von Gottfried Diehl)

Nebelwolken empfangen mich in der Galerie. Die Marmortreppe hinauf gehend begegne ich Epochen. Üppiges umgibt mich, Modernes, Altes.
Ich betrachte das Stillleben vor der stahlblauen Kachelwand. Lasse mich ein, und sehe… uns beide.
Gesichter im Fotorahmen, herb, wie Pergament unsere Haut.
Das Buch, wortlos auf dem Tisch.
Die fleischrosa Schnittverzierung kann es nicht schützen gegen Staub und Abgegriffen werden.
Ich will ins Gemälde.
Dinge wegnehmen, gegen andere austauschen, verändern. Die leere Seite umblättern…
Unser Lebensentwurf… unter dem aufgeschlagenen Buch zusammengerollt schnellt er unter unseren Köpfen noch einmal empor.
Als die Blüte aus dem Kaktus wuchs, rot wie eine Tulpe, bestand noch Hoffnung.
Der Krug daneben mit Wasser gefüllt.
Der Kaktus hat keine Stacheln, es ist einer dieser freundlichen Sorten, man braucht keine Angriffe zu fürchten, wenn man sich ihm nähert.
Und doch…
Die Schublade, ich will sie schließen, weil ich in ihr die Worte nicht finde.
Eine Etage tiefer, Gemälde einer anderen Zeit.
Kirchgang, Trachtenfest, Mutterglück. Harren, bis der Tod sie scheidet.

Noch können wir zurück ins Blau.
Oder Leinwände mit Kaktusstacheln perforieren.
Damit wir leichter durchbrechen, was uns trennt.

© Kerstin Fuchs

 

AUGEN 
(Zwei junge Frauen 1926 von Peter Christian Rasmussen)

Charlotte, kommst du?
- Gleich
Wo bleibst du denn?
- Bitte, lass mich doch
Wir müssen los
- Ja ich weiß
Nun mach schon
- Nur noch eine Minute
Aber du bist doch schon ewig hier
- Nee, glaub nicht, hab das Bild gerade erst entdeckt
Dann mach doch ein Foto
- Nein, bloß nicht
Dann mach ich das eben
damit wir hier endlich mal wegkommen
- Nur noch einen Moment
Ich druck es dir für dein Zimmer aus, zwei hübsche Damen
-  Lass mich...ich brauch nichts fürs Zimmer
Ich versuch mal, dass die Farben im Drucker gut rauskommen, der rote Fächer hat fast die Farbe von unserer Wand im Esszimmer
- Die Augen ziehen mich
Dann mach aber mal hin, wir müssen los
- Die Augen...
Ich hol schon mal das Auto aus dem Parkhaus. Ich warte im Auto auf dich
- Ja ja
Mit dem Farbausdruck war er zufrieden. Auf den Drucker war Verlass. Das Bild auf dem Küchentisch. Neben ihrem Platz. Der war leer.
Am Abend nach dem Museumsbesuch.
Am nächsten Morgen.
Nach einer Woche.
Die Fragen, die er sich stellte, veränderten sich. Er hatte das Auto aus dem Parkhaus geholt, er hatte vor dem Eingang gewartet, er war schließlich gefahren, weil sie nicht auftauchte.
Zunächst fragte er sich, warum er nicht länger gewartet hatte.
Später, warum er nicht nochmal zurück ins Museum gegangen war.
Dann, was sie zu ihm gesagt hatte.
Warum war sie nicht gekommen?
Die Fragen blieben.
Begleiteten ihn. Umkreisten ihn.

Das Rot des Fächers war schon lange verblichen.
Das Bild blieb auf dem Küchentisch liegen. Wie ein vergessener Einkaufszettel.
Er schaute daran vorbei.

Sonja war neu in der Firma. Er mochte ihre flotten Kommentare. Keine Scheu, dem Chef die Meinung zu sagen. Ohne zu verletzen. Bewundernswert. Und sie schien ihn zu mögen. Warum sonst tauchte sie regelmäßig an der Kaffeemaschine auf, wenn er sich gerade einen Cappuccino holte. Lachte, wenn sie beinahe mit ihm zusammenstieß.
Beim Betriebsausflug kamen sie sich näher. Erzählen konnte sie. Und zuhören mochte er. Schon immer.
Sie ließen sich Zeit. Gemeinsame Mittagspause. Verabredung zum Joggen. Als das Freibad im Mai aufmachte, gingen sie bei frostigen Temperaturen hin. Eisheilige eben. Zähneklappernd. Lachend. Zum Aufwärmen zu ihm. Ein Cappuccino am Küchentisch.
Er fasste sich ein Herz. Kino? Warum nicht. Sie hatte Zeit. Im Smartphone suchte er nach dem Programm. Obwohl er genau wusste, welchen Film er mit Sonja sehen wollte.
Beim Scrollen ließ er sie kurz aus den Augen.
Ich würde vorschlagen...
Er blickte hoch. Erstarrte.
Die verblichene Kopie auf dem Küchentisch. Sonjas Blick darauf geheftet, meilenweit von ihm entfernt
Die Augen ziehen mich...
Er griff nach dem Blatt, zerriss es und warf die Fetzen in den Abfalleimer.

© Angela Schmidt-Bernhardt


Eines Sommers
(Armenhausmädchen 1927 von Gretel Haas-Gerber)

Er war, wie man so schön sagt, mit einem goldenen Löffel im Mund geboren - ein Aristokrat. Er lebte, ohne sich dessen bewusst zu sein, auf der Sonnenseite des Lebens als einziges Kind seiner Eltern auf einem Landsitz mit Kindermädchen, Hauslehrer und jeder Menge Personal um sich herum.

Eines Tages, er war bereits ein junger Mann, unternahm er mit seinem eigenem Sportwagen eine kleine Spritztour.

Er hatte anhalten müssen, um nach dem Weg zu fragen. Er befand sich auf der anderen Seite der Stadt, die er nicht kannte.
Hier war alles anders. Die Menschen waren grob gekleidet, und schmutzig. Sie wirkten ausgemergelt vom Leben und von der schweren Arbeit.

Er fragte ein kleines Mädchen nach dem Weg. Es schien ihn nicht zu verstehen. Es staunte nur ihn und sein Automobil an. Der Mund stand ihm offen. Große Lücken zwischen den Zähnen waren zu sehen. Er musste seine Frage mehrmals wiederholen. Sie schien ihn einfach nicht zu verstehen.

Dann lief sie mit ihren dünnen Beinen ein Stück vorweg und zeigte ihm die Richtung zur Hauptstraße. Sie schaute dabei als könne sie nicht verstehen, wie jemand nicht wisse, wo es hier hinausgeht.
Da er immer noch nicht verstanden hatte, kam sie zurück und eh er sich‘s versah saß sie in seinem Wagen und zeigte ihm den Weg.
In der Zwischenzeit hatte sich eine Traube anderer neugieriger Kinder um den Wagen gebildet.

Er fuhr los. Trotz ihrer ärmlichen Erscheinung lachte das Mädchen die ganze Zeit. Sie schien auch überhaupt nicht ängstlich zu sein. Er fragte sie, wo sie wohnte. Sie sagte: „Na, da drüben im Armenhaus“. Als sie an der Hauptstraße angekommen waren, bedeutete sie ihm anzuhalten und stieg aus. So schnell sie gekommen war, war sie auch wieder verschwunden und er fuhr zurück nach Hause.

Durch eine falsche Abbiegung war ihm plötzlich klar geworden, dass seine Welt nicht die Welt war, in der alle lebten. Dieser kleine Vorfall hatte seine Sichtweise verändert. Und als sein Vater ihn einige Zeit später fragte, was er denn zu studieren gedenke, sagte er: „Malerei. Ich will die Menschen malen. Aber vorher will ich die Welt kennenlernen, in der sie leben. Ich will dahin reisen, wo ich noch nie war“.

Eines Sommers, als die Sonne sanft schien, griff er zum groben Gewand eines Schafhirten in der Montur eines faulen Eremiten und wanderte in die Welt, um von Wundern zu hören, und sah viele erstaunliche und besondere Dinge.

Es entstanden viele Bilder in dieser Zeit.
Doch trotz seines späteren Kunststudiums und aller ausgefeilten Techniken, die er dort gelernt und angewendet hatte, sollten diese Bilder immer seine schönsten bleiben, denn sie hatten die Natürlichkeit und die Unschuld und die Naivität eines Unwissenden.

© Doris Husslein

 

Na, du kleines Ding
(Armenhausmädchen 1927 von Gretel Haas-Gerber)

Na, du kleines Ding
sitzt da im Eingang
deine Schale ist leer
haste noch Hunger?
schaust arg mager aus
die werden dir nicht viel geben
im Armenhaus,
obwohl?
deine Kleider schauen ja ganz ordentlich aus
sind aber arg dünn
ist dir kalt?
guckst so traurig,
ein wenig verschüchtert
haste Angst?
du, kleines Ding

Warum sitzte da?
hammse dich rausgeschickt?
haste was angestellt?
warste frech?
nein, dass glaub ich nicht
du hast die anderen nicht mehr ausgehalten
fühlst dich allein, gell
ganz allein
keine Geschwister
keine Eltern
deshalb schauste so traurig drein
fürchtest'de dich
vor dem was kommt?
musste hart arbeiten?
wirste oft geschimpft?
darfst nicht einfach rumsitzen
nicht weinen, träumen, nachdenken
schlagen'se dich?
Ich hoffe nicht

Jetzt biste noch ein kleines Ding
aber, du wirst groß werden
schau, dass'de Kraft kriegst
und stark wirst
damit'de dich wehren kannst
und Deinen Weg gehen

(c) Margit Peip

 

 

Winterlesung 07.12.2018 - Texte zum Thema -                                  "Ein Zimmer, das ich kaum kenne"


Schwäbische Nacht


Horst war mit Monika ins Schwäbische gefahren, in seinen Heimatort Pfullingen, um seiner verwitweten Mutter die Frau vorzustellen, die er zu ehelichen gedachte.
Monika war sehr gespannt auf die Schwaben, die ja bekannt sind für ihren Fleiß, ihre Sparsamkeit und ihre Gründlichkeit, aber auch für ihre Geselligkeit und Sangesfreude. Sie hoffte eher auf die letzteren Eigenschaften.
Denn die hatte sie an Horst beim Kennenlernen so anziehend gefunden.
Die Begrüßung zwischen den Frauen verlief unerwartet entspannt und die selbst geschabten Spätzle waren natürlich ein besonderes Willkommen.
Als Monika es auch mal mit dem Spätzle schaben probieren wollte und dabei nur fingerdicke Würste in den Topf fielen, sagte Hilde lachend:
„Des lernsch nemme, bleib liebr bei Grombiira“
Monika musste ebenfalls lachen und das Eis war gebrochen. Auch der erste Abend lief erstaunlich gut. Und das ist nicht selbstverständlich, wenn Mütter ihren einzigen Sohn hergeben müssen.
Nachdem Horsts Mutter alle peinlichen Begebenheiten aus seiner Kindheit- für ihn gefühlt zum hundertsten Mal- aufgetischt hatte, trollte er sich auffällig oft gähnend ins Bett, damit sich, wie er meinte, die beiden Frauen alleine beschnuppern konnten.
Den Rest des Abends wurden Familie, Kuchenrezepte und geeignete Diätprogramme abgearbeitet, die Sammeltassensammlung bewundert und die schon vorsorglich in hellblau und rosa gestrickten Mützchen für die künftigen Enkel für niedlich befunden. Auch der Streit mit dem Bruder, also Horsts Onkel, der mit Familie nebenan wohnte, war ausgiebig von der Schwiegermutter ausgebreitet worden.
Als dann die hochnotpeinliche Befragung über Monikas politische Gesinnung begann „Du hasch doch mit dene linke Spinner nix zom due?“ zog Monika die Notbremse, gähnte was das Zeug hielt und sagte nach einer unverfänglichen Anwort :
„Ich geh jetzt ins Bett, die Fahrt war anstrengend und ich will Horst nicht so lange warten lassen. “
„Falls de heut Nacht uff de Abbort musch, geh lieber hier unde, obbe is die Spülung so laud“ hatte ihr Hilde noch mit auf den Weg gegeben.
Horst schlief schon mit dem Lächeln eines Siegers auf dem Gesicht, wahrscheinlich weil er sich den Frauen so geschickt entzogen hatte.
Nun muss man wissen, dass meine Freundin Monika Schlafwandlerin ist.
Ihre nächtlichen Ausflüge durfte ich so manches Mal miterleben, wenn wir an gemeinsam verbrachten Wochenenden oder in Urlauben das Zimmer geteilt hatten.
In der Regel wurde ich von wischenden Geräuschen an der Zimmerwand entlang wach, wenn sie halb schlafend, halb wachend, auf der Flucht vor nächtlichen Schimären oder mit Druck auf der Blase, den Ausgang ins Irgendwo suchte.
Einmal konnte ich sie davon abhalten in meinen Schrank zu steigen, ein anderes Mal aus der Besenkammer wieder ins Bett umleiten.
Wenn man als Mitschläferin nicht wach geworden war, lag Monika morgens manchmal zusammen gerollt auf der Eckbank in der Küche oder auf dem Sofa im Wohnzimmer, weil sie nach erfolgter Blasenentleerung die erstbeste Liegestatt aufsuchte, die ihr in den Weg kam. Sogar der Badezimmerteppich hatte ihr schon als Nachtlager gedient.
Von ihren Ausflügen wusste sie in der Regel morgens nichts mehr und war selbst erstaunt wo sie aufwachte.
In dieser Nacht im Schwabenland hatte sie sich wieder einmal wie ein Geist neben Horst erhoben, denn nach dem Umtrunk mit Hilde, der durch einige Viertele entspannter gewesen war, drückte die Blase.
Offensichtlich waren ihr die letzten Worte ihrer künftigen Schwiegermutter vor dem Zubettgehen im Bewusstsein hängen geblieben, denn sie wandelte wie ferngesteuert aus dem Gästezimmer durchs Treppenhaus ins Erdgeschoss, wo sie die passende Tür suchte.
Das Haus der Schwiegermutter, war von deren Großeltern noch zu einer Zeit erbaut worden, als es normal war, dass eine Familie sechs bis acht Kinder hatte.
Als Horsts Eltern heirateten, baute man es um, sodass zwei Familien darin Platz finden konnten.
Nebenan wohnte besagte Onkelfamilie, mit der zurzeit Funkstille herrschte. Beide Haushalte waren durch eine Tür im Erdgeschoss miteinander verbunden, die mit einer Schrankimitation verkleidet war.
Diese Tür steuerte Monika nun mit schlafwandlerischer Sicherheit als vermeintliche Toilettentür an, schloss sie auf und landete im Flur und anschießend bedarfsrichtig sogar im Bad der Onkelfamilie.
Auf dem Rückweg durchwandelte sie das Wohnzimmer und sank dort, der weiten Wege müde, aufs Sofa. Sofort schlief sie wie ein Stein.
Jeder kann sich vorstellen, wie groß die Augen von Horsts Tante waren, als sie am nächsten Morgen eine wildfremde junge Frau in T-Shirt und Unterhose auf ihrem Sofa vorfand. Reflexartig zog sie ihr eine Wolldecke über die Beine, die über der Sofalehne hing.
Ihr erster Gedanke war, dass ihr Sohn Bernd die fremde Weiblichkeit von der gestrigen Fete mitgebracht haben könnte. Vielleicht war es dem Mädle  nicht mehr möglich gewesen in der Nacht noch nach Hause zu fahren. Und insgeheim hoffte sie, dass ihr Sohn vielleicht endlich eine Freundin gefunden haben könnte. Dass sie nicht bei Bernd im Bett lag, fand sie sehr anständig von ihrem Sohn, wunderte sie aber auch ein bisschen.
Als Bernd etwas später verschlafen die Treppe herunter kam, sperrte auch er die verquollenen Augen auf und nun standen Mutter und Sohn ratlos vor dem Sofa, denn der Sohnemann schwor Stein und Bein, dieses weibliche Wesen nie gesehen, geschweige denn gesprochen zu haben.
Beide überlegten, ob der Vater abends beim Stammtisch im „goldenen Böckle“ mal wieder ein paar Viertele Trollinger zu viel getrunken  und das „Weibsbild“, wie die Tante schnaubte, angeschleppt hatte.
Der Onkel, noch im Entgiftungsschlaf befindlich, wurde unbarmherzig von seiner Frau wach gerüttelt und als er verdattert alles leugnete ebenfalls ins Wohnzimmer zitiert.
Jetzt standen alle drei verwundert vor dem Sofa und starrten auf die noch immer fest schlafende Monika, wie auf ein seltenes, vom Aussterben bedrohtes Tier.
Schließlich stupste die Tante an Monikas Füße und als sie endlich aus ihrem steinigen Schlaf erwachte sah sie sich von drei Augenpaaren fixiert.
Als die Tante sie fragte, wer sie denn sei und was sie hier mache, antworte Monika, die schon immer sehr schlagfertig gewesen war, noch ziemlich schläfrig und mit lautem Gähnen: „Das gleiche könnte ich Euch auch fragen?“
Derweil wunderte sich Horst nebenan wo seine Liebste abgeblieben war und als er sie auch in der mütterlichen Küche nicht vorfand, hegte er den Verdacht, dass Hilde sie vielleicht vergrault haben könnte. Diese war sich jedoch keiner Schuld bewusst, hatten sie doch einen netten Abend zusammen verbracht. Kurzum, beide blickten ratlos auf das Gepäck und die Kleidung der Verschwundenen, denn ohne Klamotten konnte sie ja auch nirgendwohin gegangen sein.
Schließlich lösten sich alle Rätsel, denn kurze Zeit später klingelte es an der Tür und als Horst öffnete, stand sein Onkel vor ihm und sagte schmunzelnd: Breng deinem Mädle was zom Ozieha, noh könna mir frühschdügga.
Der Familienzwist war kein Thema mehr, als hätte man nur auf dieses Medium aus dem Hessenland gewartet und Horst und Hilde wurden ebenfalls zum Frühstück eingeladen.
Alle ließen sich Schinken Schwartenmagen und Rührei schmecken und schnell kam man über hessische und schwäbische Ess- und Lebensgewohnheiten ins Gespräch.
Monika beteuerte mehrfach, dass es im Hessenland wirklich nicht üblich sei, sich auf solche Weise der neuen Verwandtschaft vorzustellen.
Diese bis heute noch oft erzählte Geschichte fand so ihren Platz in der Schwäbischen Familienchronik und ist schon längst an Kinder und Enkel der Beiden weiter getragen worden.

 

© Hermine Geißler


Altbauwohnung

Ich wohne schon lange in meiner Wohnung. Sie ist geräumig, ein Altbau, sie hat Geschichte. Auf der einen Seite ist sie hell und sonnig, die andere Seite führt auf den Hof, wo es eher schattig und düster ist. Ich mag sie und auch wenn ich nicht immer glücklich mit ihr bin, so sind wir doch zusammengewachsen und sehen uns unsere Fehler nach. Ich verzeihe ihr, dass sie sich so schlecht aufwärmen lässt und sie nimmt mir nicht übel, wenn ich ihre Altehrwürdigkeit durch Errungenschaften wie moderne Lampen, eine Kücheninsel oder schrille Bilder an den Wänden einschränke.
Immer mal wieder hält sie Überraschungen für mich bereit. Plötzlich läuft rostiges Wasser aus der Leitung oder es zeigen sich Risse in der Stuckdecke. Zuletzt kam das häufiger vor. Ich habe repariert, gekleistert, gestrichen, die zugigen Stellen abgedichtet. Aber es ließ sich nicht übersehen, dass der Zahn der Zeit nagt und die Jahre ihren Tribut fordern. So fügte ich mich, gewöhnte mich an das gluckernde Geräusch aus dem Bad, die knackenden Decken und den größer werdenden Spalt unter der Tür.
Jetzt aber fühle ich, dass etwas geschehen ist. Diese Gemeinsamkeit, die Verbundenheit scheinen aufgekündigt. Plötzlich spüre ich, wir sind einander nicht mehr in alter Freundschaft zugetan, ich muss mich wehren gegen ihre Angriffe. Oder sind es freundschaftlich gemeinte Hinweise? Aber worauf?

Kürzlich benötigte ich zur Planung eines Geburtstages ein altes Fotoalbum, von dem ich nicht mehr wusste, wo ich es aufbewahrte. Auf der Suche ging ich alle Zimmer durch - vergeblich. Schließlich ließ ich mich ratlos in meinen Sessel fallen und überlegte, wo ich noch suchen sollte. Da fiel mir an der gegenüber liegenden Wand eine Art Rechteck auf, ein Riss in der Tapete, den ich bis dahin nie bemerkt hatte. Ich ging hinüber und untersuchte meine Entdeckung, klopfte dagegen und war erstaunt, wie hohl es klang. Also besorgte ich mir in der Küche ein Messer und schnitt entlang des Risses. Kurze Zeit später konnte ich eine Art Tür, eher eine Luke öffnen, die in einen Raum führte, von dem ich nicht gewusst hatte, dass er hier existiert.
Zu meiner grenzenlosen Überraschung lag dort das gesuchte Fotoalbum auf dem Boden. Ich kletterte in den Raum, der fremd und gleichzeitig vertraut war, wie eine schwache Erinnerung  aus eine längst vergangenen Zeit. Ich tauchte ein, fühlte mich seltsam leicht, jung, voller Tatendrang und Liebe. Was war das? Ich griff nach dem Album: Bilder von Menschen aus anderen Tagen, Weggefährten, Freundinnen, Orte des Glücks und der Tränen. Mein Leben. Die Zeit floss wie Honig und ich schwamm darin, ohne zu wissen wohin und wie lange schon. Da war er wieder, der Eine, der Wichtigste, wie lange waren wir uns nicht mehr begegnet? Wie vertraut mir die Bilder waren, sogar der Geruch stieg mir wieder in die Nase! Und der Schmerz über die Zurückweisung, das Wissen um die Einzigartigkeit dieser Liebe, die Trauer über ihren Verlust. Die Lähmung, die darauf folgte.
Plötzlich hörte ich ein knarzendes, schlurfendes Geräusch und sah auf. Es war schon dämmrig und das Zimmer wurde von Schatten durchzogen. Undeutlich sah ich die Luke, durch die ich hereingekommen war. War sie kleiner geworden? Spielte die Wohnung mir erneut einen Streich? Irrte ich mich oder sah die Luke nun aus wie ein zu einem hämischen Grinsen verzogener Mund? Sollte ich als Gefangene meiner Erinnerungen hier bleiben? Für immer jung?
Ich stürzte zur Luke und kletterte panisch zurück in mein Wohnzimmer. Schlagartig kamen die Jahre zurück.  Da stand mein Sessel und ich ließ mich schwer atmend hineinfallen. In meinem Alter bewegt man sich nicht mehr so geschmeidig, die Knie knackten von der ungewöhnlichen Bewegung und meine Schultern schmerzten. Die Luke verschwamm vor meinen Augen und die Wohnung knarzte und gab Geräusche von sich, die in meinen Ohren wie Hohn klangen. Oder wie ein Lachen.
Ich sitze seither öfter in dem Sessel und schaue auf die intakt erscheinende Wand, hinter der ferne Zeiten zuhause sind. Wehmütig höre ich die Geräusche der Wohnung, wie sie raunt, klopft, gurgelt und wispert. Wie es mir wohl ginge, wenn ich dort geblieben wäre?

© Catharine Kemeney


Vergessene Bibliothek
Text zu Bild (c) von Lori Nix, Library (Ausschnitt), 2007
Galerie Klüser, München

 

Ich stehe vor einem sehr altehrwürdigen, aber verlassenen Gebäude.
Es zieht mich magisch an.
Der Türgriff scheint lange nicht berührt worden zu sein. Ich drücke den Riegel. Der Türgriff lässt sich tatsächlich öffnen. Zögernd und doch voller Neugier schaue ich ins Innere.
Unmerklich halte ich die Luft an und vergesse für einen Moment zu atmen.
Was ich sehe ist nicht modrige Dunkelheit, sondern eine stattliche Bibliothek voller Licht und Farben. Alles scheint noch da zu sein. Jedes Buch steht noch an seinem Platz.
Doch traue ich meinen Augen nicht, denn große Bäume wachsen überall durch den Holzboden. An der Decke klafft ein riesiges Loch. Es scheint als hätten die Bäume ihren Rohstoff zurück erobert. Eine Meise betrachtet von einem Zweig aus friedlich die Bücherauswahl. Ich frage mich, was passiert sein mag. Warum wurde dieser geistige Schatz hier zurückgelassen und vergessen?

Auch ich habe früher Bücher regelrecht verschlungen. Ich liebte die Haptik eines ungelesenen Buches. Seine Jungfräulichkeit. Das Geräusch beim Umblättern der Seiten. Ein gutes Buch konnte nicht dick genug sein. Sogar der Einband und das äußere Erscheinungsbild waren wichtig. Ich konnte Stunden damit verbringen, in Enzyklopädien nachzuschlagen. Bildbände, Atlanten, Reiseführer und auch Kochbücher begeisterten mich.

Wann hörte das auf? Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal ein Buch in der Hand hatte oder eine Bibliothek besucht habe.
Heute beherrscht mein kleines Smartphone nicht nur meinen Bücherschatz, sondern enthält mehr als jede Bibliothek.

Ich nehme ein großes Buch mit dem Titel „Schöne neue Welt“ aus dem Regal. Die Blätter zerfallen zu Staub. Wir schreiben das Jahr 2044.

 

© Doris Husslein


„Es gibt ein Zimmer in meiner Wohnung, das ich kaum kannte….. Jetzt, da ich drin bin und auch nicht wieder heraus kann, versuche ich vergeblich, mich daran zu erinnern, an welcher Stelle in meiner Wohnung dies Zimmer sich befindet“.

Ich war wieder länger weg. Unterwegs. Und komme zurück. Zu diesem großen Haus. Es ist mir vertraut. Ich kenne es. Ich war schon oft dort. Ich glaube zum Schlafen, zum Pause machen. Viele Menschen wohnen dort. Sie sind dort kurze oder lange Zeit. Ich kenne die anderen nicht. Aber das spielt keine Rolle.
Ich weiß, eines der Zimmer im großen Haus ist meins. Dort kann ich schlafen, allein und ungestört sein. Und danach wieder gehen.
Und wieder passiert mir, was mir schon oft passiert ist. Ich finde mein Zimmer nicht. Ich weiß nicht wo es sich befindet.
Das Haus ist alt und groß und aus Holz. Es hat mehrere Stockwerke. Eine Art Ballustrade führt rings um das Haus, auf jeder Etage. Es gibt Zugänge von außen und innen und viele Treppen und Fenster. Es ist lichtdurchflutet. An Ecken stehen Bäume in Töpfen. Manchmal ein Stuhl oder eine Bank. Von dem äußeren Rundweg zweigen Zimmer ab oder kleine Flure, die wiederum zu Zimmern führen. Alle Zimmer haben Nummern.
Ich weiß meine Nummer nicht mehr. Ich finde auch den Schlüssel nicht. Ich habe keine Ahnung wo mein Zimmer ist. Ich kann mich einfach nicht erinnern.  Und es gibt keine Möglichkeit es zu erfragen. Obwohl hier viele Menschen sind. Sie werden mir nicht helfen können. Denn sie wissen nicht wo ich wohne. Meine Chance liegt darin zu suchen, alle Gänge abzulaufen und mein Zimmer dann vielleicht wiederzuerkennen und zu hoffen, dass es offensteht.
Manche Türen stehen offen. Ich kann hineinsehen und den Menschen bei ihrem Alltag zugucken.
Ich sollte systematisch versuchen mein Zimmer zu finden. Alles der Reihe nach abgehen. Aber irgendwie funktioniert das nicht. Ich habe keinen Überblick. Ich laufe durch Flure und Stockwerke und irre herum. Ich möchte endlich meinen Raum finden. Irgendwo muss er sein.
Und dann, später, stehe ich wirklich vor meinem Zimmer. Die Tür steht einen Spalt breit offen. Natürlich. Das ist es! Wie ich hingekommen bin? Keine Ahnung. Aber alles ist gut. Hier will ich jetzt sein. Ich betrete den Raum und schließe die Tür hinter mir. Ich möchte jetzt nicht nochmal raus. Sonst verliere ich den Raum vielleicht wieder. Ich bin so froh hier zu sein und bleiben zu können.
Es gibt ein Bett, ein Fenster, eine Kiste, einen Teppich. Nicht viel. Das Zimmer ist nicht sehr groß. Trotzdem ist es ein guter und freundlicher Ort. Und es gibt eine Tür zu einem weiteren Raum. Komisch. Diese Tür habe ich bisher noch nie bemerkt. Und den Nebenraum noch nie betreten. Warum nicht? Weiß ich nicht. Vielleicht erschien es mir nicht wichtig, nicht notwendig, nicht interessant.

Aber diesmal. Diesmal habe ich die Tür nicht übersehen. Diesmal werde ich die Tür öffnen und gucken, was im zweiten Raum ist. Warum eigentlich nicht? Aber wenn, dann jetzt gleich. Vielleicht ist der Funken Interesse nachher wieder weg.
Ich öffne die Tür. Und ich bin draußen. In einem Garten. Das kann nicht sein, denke ich. Völlig unlogisch. Hier kann es keinen Garten geben. Mein Zimmer ist nicht ebenerdig und umschlossen von anderen Räumen.
Aber es ist doch egal!
Hier ist ein Garten, ein wunderschöner, blühender, verwilderter Garten und Sonnenlicht und Menschen. Menschen, die ich schon immer kenne, die ich sehr mag, aber die ich vergessen hatte. Einfach komplett vergessen. Sie gucken und lächeln. Ich bin willkommen. Es gibt keine überschwänglichen Begrüßungen. Es ist alles einfach. Einfach und unkompliziert. Und vollkommen eigentlich.  
Ich  bin so erstaunt. Das hinter dieser Tür!? Warum? Hier habe ich so etwas am allerwenigsten erwartet. Ich hatte immer außen gesucht.


Und jetzt gehe ich da rein!

(c) Sonja Sommerfeldt


Der Schlüssel


Es war Freitagabend. Ich sah den vor mir stehenden Mann in seinem grauen Kittel zweifelnd an. Er war Mitarbeiter eines Schlüsseldienstes, der mir gerade einen Schlüssel angefertigt hatte. Dieser hatte jedoch am Bart eine verdächtig dünne Stelle. Auf meine Frage, ob der Bart eventuell abbrechen könne, hatte der nette Herr mir versichert, das könne nicht passieren. Dein Wort in Gottes Ohr, dachte ich und machte mich auf den Weg zu meinem Wohn- und Lebensraum. Ich wohnte in einem Zimmer unter dem Dach einer Altbauwohnung. Eine typische Studentenwohnung, wie es in Marburg viele gab. Klein, teuer und nicht schön. Ich war zwar kein Student sondern Berufsaufbauschüler, doch entsprach das Zimmer genau meinen finanziellen Möglichkeiten. Das BAföG, das ich bekam, reichte aus, das Zimmer und meine sonstigen Bedürfnisse zu finanzieren.
Den Schlüssel benötigte ich für meine Freundin, die ich seit Neuestem hatte. Es war was Ernstes, deshalb das Schließgerät. Es sollte ihr deutlich machen, wie wichtig sie mir war.
Als ich meine Dachwohnung erreicht hatte, ging ich hinein, schloss die Tür von innen, nahm den neuen Schlüssel, steckte ihn ins Schloss und drehte ihn herum. Er schloss … genau einmal. Ich hörte, wie die Zunge des Schlosses einrastete, zog den Schlüssel heraus und hatte ihn ohne Bart in der Hand. Dieser war im Schloss verblieben. Die Tür war verschlossen. Mein Zweifel bezüglich der Schließfähigkeit des Schlüssels war berechtigt gewesen. Der Bart war tatsächlich zu dünn gefeilt worden.
Na gut. Ich nahm den Originalschlüssel, um die Tür aufzuschließen. Es gelang nicht ihn in das Schlüsselloch zu stecken, der abgebrochene Bart blockierte das Schloss. Hätte ich mir denken können. Ich hatte mich selbst eingeschlossen, hatte mich zum Gefangenen in meinem eigenen Zimmer gemacht. Was nun?
Als Erstes kochte ich mir einen Kaffee und überdachte die Lage. Ich musste den abgebrochenen Bart aus dem Schlüsselloch entfernen. Nachdem ich meinen Kaffee getrunken hatte, machte ich mich mit optimistischem Schwung daran das Problem zu lösen. Es gelang mir aber weder mit einer Pinzette, einem Pfriem, einem Stück Draht und auch nicht mit einer Kuchengabel diesen verflixten Bart zu entfernen.
Mir stand der Schweiß auf der Stirn. Eine Mischung aus Angstschweiß und dem Schweiß der Anstrengung. Ich unterbrach meine Bemühungen, setzte mich auf den  überdimensionalen Fernsehstuhl, der den Großteil meines Zimmers beherrschte und dachte über das Problem nach. Doch mir fiel nichts ein.
Da hörte ich aus dem Nebenzimmer Stimmen. Mein Zimmernachbar hatte wohl Besuch. Schön, vielleicht war von hier Hilfe zu erwarten. Ich ging zu dem kleinen Fenster, das zum Dach hinausging, öffnete es und rief, etwas zaghaft allerdings: „Hilfe!“ 
Als sich nebenan nichts tat, rief ich etwas lauter: „Hilfe!“
Als sich immer noch nichts tat, rief ich mit sehr lauter Stimme: „Hilfe!“
Nebenan öffnete sich ein Fenster, ein Kopf erschien: „Was ist denn los?“
Ich erklärte die Sachlage. Der Kopf sagte: „Ich komme rüber.“
„Wie bitte?“ Das war ich.
„Ich komme rüber. Kleinen Moment nur.“
Ich sah wie sich eine Gestalt aus dem Nachbarfenster schwang, zwei, drei Schritte über den Teil des Dachs vor meinem Zimmer machte, um sich dann in mein Fenster zu schwingen.
Rudolf, mein Zimmernachbar, stellte sich vor. Wir hatten uns nämlich noch nicht kennengelernt. Er begutachtete das Problem, probierte mit meinen diversen Nichtwerkzeugen an dem Türschloss und kam abschließend zu dem Schluss, dass da nichts zu machen sei. Die einzige Idee, die er hatte, war die, dass man die Tür von außen öffnen könne. Was hieß, dass man sie von außen aufbrechen musste. Die Tür öffnete sich nach innen, somit war von der Außenseite ein optimaler Kräfteeinsatz möglich.
Für mich spitzte sich die Situation immer mehr zu, da ich nicht nur eine verschlossene Tür vor mir hatte, sondern auch noch einen wildfremdem Menschen. Nicht das mir Rudolf Angst eingeflößt hätte, doch ich, ein von Natur aus sensibler Mensch, fühlte mich insgesamt von der Situation überfordert. Ich stimmte also Rudolfs Idee zu.
Rudolf verschwand wieder mit akrobatischer Eleganz aus dem Fenster und hangelte sich über das Dach in seinen Wohnraum.
Wenig später hörte ich seine Stimme vor der Tür. „Wir wären so weit!“
„Dann los“, sagte ich.
Ich hörte einen lauten Schlag und ein knirschendes Knacken. Ein Teil der Türeinfassung flog mir entgegen, mit ihr stürzten Rudolf und zwei andere junge Männer in mein Zimmer. Mit lautem Hallo begrüßten mich Bernhardt und Wolfgang, begutachteten ebenfalls das Schloss und meinen abgebrochenen Schlüssel. Dann ließen mich die drei jungen Männer allein. Da stand ich nun mit meinem offenen Eingang.
Meine neue Freundin, die später zu Besuch kam, staunte nicht schlecht, als sie die aufgebrochene Tür sah. Ursprünglich hatte sie vorgehabt bei mir zu übernachten, doch war sie es gewohnt in einem geschlossenen Zimmer zu schlafen. So konnte sie nicht bei mir nächtigen. Sie bedauerte, mir dies mitteilen zu müssen.
Trotzdem haben wir vier Jahre später geheiratet.


© Rainer Güllich


Konstantin der Künstler      

Konstantin hatte nur noch eine Stunde Zeit.  Eine Stunde, um sich zu entspannen, bevor er seine Gäste empfangen musste. Er fühlte sich schon jetzt völlig überfordert. Was hatte er sich nur dabei gedacht. Aber nachdem letzte Woche eines seiner jüngsten Werke, ein Pop-Art-Bild, verkauft worden war und er somit plötzlich viel Geld besaß, hatte er diese Idee. - Sie wollen wissen, wie hoch der Erlös war?  Er wird es nicht verraten. -  Konstantin hatte nie Geld und war der Meinung, ohne den schnöden Mammon  im Leben zu recht zu kommen, deshalb wollte er es sofort wieder loswerden.

Weil ihm sein alter Mentor und Gönner immer in den Sommerzeiten diesen Etagengarten in Neapel für seine Aufenthalte zur Verfügung stellte, drängte es ihn, sich endlich seinen Traum zu erfüllen, hier ein Theaterfest nach Art der „Commedia dell’arte“ für einen Abend, eine Nacht, wieder auferstehen zu lassen. So lud er letzte Woche spontan all seine Freunde, viele Bekannte, die ihm häufig auf den Straßen Neapels begegneten, zu diesem Fest ein. Im Moment glaubte er, den Überblick, wie viele Personen in seinen Garten einfallen würden, verloren zu haben. Ihm wurde schwindlig, aber das konnte auch von der Sonne kommen, die ihm schon den ganzen Tag auf den Kopf brannte. Außerdem musste er dem betäubenden Duft der Glyzinien entfliehen.

Während diese Gedanken durch seinen Kopf geisterten, floh er auf  verschlungenen Wegen, vorbei an den in voller Blüte stehenden Hortensien, am Reich der Farne, der Kakteen und vorbei an vielen, vielen Rosensträuchern, in sein Lavendelparadies, in den hinteren Teil des Gartens. Hier konnte er dem Trubel und der Hektik, den die  Akteure, zuständig für die Dekoration, Buffet etcetera verbreiteten, entrinnen.

In seiner Hängematte, die ihm manchmal sein liebstes zu Hause war, machte er es sich bequem. Sein Blick richtete sich auf Kater „Paolo“, der am Teichrand saß, die darin schwimmenden Goldfische beobachtete und ab und zu  versuchte, eine der Fische zu greifen, was ihm selten gelang. Der Himmel über ihm war wolkenlos. Die absolute Ruhe und der Geruch des Lavendels versetzte Konstantin in einen nebulösen Dämmerzustand.  Er hörte eine Stimme die ihn rief: „Costantino, Costantino“. Merkwürdig dachte er, so rief ihn nur seine Mutter und sie hatte er nicht eingeladen.

Ach, vielleicht träume ich, dachte er und tauchte ein in die Bilder, die in ihm aufstiegen. Im Traum sah er zu, wie er langsam, aber noch benommen erwachte und fand sich in einen anderen Teil des Etagengartens , unter Palmen und einer haushohen chilenischen Schmucktanne, wieder.

Es war Nacht aber alles war beleuchtet. Wo war der Lavendel. Das war nicht sein Rückzugsort. Die Luft war gespeist von anderen, ihm unbekannten Düften. Der Blütenduft der Rosen und Glyzinien war verschwunden. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft waren hier nicht vorhanden. Auch den Wind und die Stimmen des Meeres vermisste er.

Konstantin versuchte vergeblich, sich daran zu erinnern, wo er sich  befand, und bemühte energisch, sich aus der Hängematte  herauszuschälen. Er ruderte mit seinen Armen und Beinen, aber er konnte sich nicht befreien. Seine Gefühle stritten sich, sollte er lachen, weinen oder wütend werden???
Würde er weinen, was bei Konstantin selten vorkam, dann eher darüber, dass er so verzweifelt in seiner Hängematte herumzappelte. Dann fand er es grotesk und musste über seine Situation lachen. Bestimmt würden gleich Freunde kommen, um ihn zu befreien.

Plötzlich war der Garten voller Zanni- und Amorosi-Theaterfiguren, die um ihn herumliefen, ihn aber nicht sahen. Er rief nach Dottore, nach Arlecchino, Pantolone. Laut lachend prosteten sie sich zu und gingen an ihm vorbei. Jetzt war er wütend. Vielleicht wollten sie ihm einen Streich spielen, aber dazu war er nicht in Stimmung.  Na, schöne Freunde habe ich, die werde ich morgen zum Teufel jagen, wenn ich sie treffe. Konstantin blieb in seinem Traum gefangen, er sah sich zu und konnte doch nicht mitspielen. Wenn er nur aus dieser Hängematte heraus käme, er fühlte sich eingesponnen wie in einem Kokon.
Drüben am Teich, der Kater war verschwunden, sah er Pulcinella liegen. Er rief nach ihr, sie antwortete jedoch nicht. Zeitweise war sie seine Muse. Letzte Woche hatte sie sich von ihm trennen wollen, was er auf keinen Fall zulassen würde. Er hatte eine Vermutung, wem sie sich zugewandt hatte. Sie ignorierte ihn, blieb liegen.
Dies war wirklich ein wirrer Traum ! Konstantin fühlte sich mittlerweile wie ein dicker Knoten, den man nicht entwirren kann. Er wollte raus aus der vermaledeiten Hängematte, raus aus diesem Teil des Gartens, den er nicht kannte.

© Ursula Engel